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Sonntag 05. Feb 2012
Diesen alten Müllersgruß allen Besuchern dieser Seite. Ich möchte Ihnen etwas über die Geschichte und Technik der Dudenser Bockwindmühle erzählen. Betrachten wir eine Mühle wie diese vom Standpunkt der Technik des 17. Jahrhunderts, so müssen wir sie als eine ausgefeilte, auf dem Höhepunkt ihrer technischen Entwicklung angelangte Maschine betrachten. Holz, Stein und etwas Schmiedeeisen waren die Materialien, Axt und Säge, Meißel und Hammer die Werkzeuge, mit denen es galt, eine fein regulierbare Mechanik zu konstruieren. Der Typ der Bockwindmühle ist im nördlichen Europa seit seinem ersten Auftreten im Mittelalter bis zur Zeit des 30jährigen Krieges bis aufs Äußerste perfektioniert worden. Die aerodynamisch optimale Form der Flügel hält auch heute noch jedem Test im Windkanal stand. Die Größen- und Gewichtsverhältnisse der Fachwerkkonstruktion entsprechen den statischen und dynamischen Anforderungen ebenso wie den ökologischen. Ein ausgeklügeltes System von Übersetzungsverhältnissen erlaubt die Ausnutzung sehr unterschiedlicher Windstärken und sorgt für einen Lauf der Mühlsteine, der dem Mahlgut ein Minimum an thermischer Belastung zumutet. Die Lager der rotierenden Teile sind je nach Richtung und Stärke der Belastung in Stahl, Stein oder Holz ausgeführt und werden mit dazu geeigneten Stoffen geschmiert: Talg, Öl, Schmierseife, dazu Bienenwachs für die Kammräder (Zahnräder). Ein Hebelwerk aus groben Eichenbalken erlaubt die Justierung des Abstandes der Mühlsteine im Zehntel-Millimeter-Bereich. Dies und viele andere Einzelheiten rechtfertigen es, vom Standpunkt der angewandten Mechanik im 17. Jahrhundert die damalige Mühlenbaukunst als eine technische Spitzenleistung zu bewerten. Nicht umsonst ist der Typ der Bockwindmühle bis zur ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer wieder gebaut worden und bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges im praktischen Gebrauch geblieben.
An dieser Stelle ein kurzer Blick auf die verschiedenen Windmühlentypen. Sie ergeben sich aus der Antwort auf die Frage: Wie kann das Flügelkreuz bei unseren wechselnden Winden in die jeweilige Windrichtung gestellt werden? Bei der Bockwindmühle, dem älteren Mühlentyp, muß das ganze Bauwerk (bis auf den Bock) in den Wind gedreht werden; darum darf es nicht zu schwer sein. Auf der Holländermühle dagegen dreht sich nur die Kappe mit dem Flügelkreuz; der Rumpf der Mühle steht fest auf dem Boden und kann deshalb so groß sein, daß vier oder mehr Mahlgänge und viele schwere Säcke darin Platz finden. Der technische „Kniff" dieses Mühlentyps besteht in dem Gleit- oder Rollenlager, das die Kappe, den gewaltigen Reibungskräften auf dem oberen, mehrere Meter messenden Drehkranz zum Trotz, bewegbar macht. Da ist die Bockwindmühle viel einfacher gebaut: Das gesamte Gewicht der Mühle lastet auf einem Gleitlager mit nur wenigen Quadratdezimetern Fläche. Deshalb muß ein acht Meter langer Steert als Hebelarm angebracht sein, damit drei Männer das Ganze drehen können. Aber was ist, wenn der Müller allein ist? Nun, da hilft eine zusätzliche Hebelmechanik, diesmal in Gestalt einer Winde, mit der selbst die Müllerin den Steert langsam, aber sicher von Poller zu Poller verholen kann. Kreisförmig stehen sie um die Mühle herum, tief in den Boden eingegraben.
Müller Ahrbecker entschloß sich im Jahre 1827, eine Windmühle zu bauen. Nicht eine neue, sondern eine „Second-Hand"-Mühle. Er erwarb sie von der Familie Goltermann in Twistringen, die sich eine moderne Holländermühle bauen wollte und deshalb für die altertümliche Maschine aus Holz keine Verwendung mehr hatte. Immerhin hatte sie damals schon ungefähr 150 Jahre auf dem Buckel. Bestimmte Details der Fachwerkkonstruktion, wie z. B. aufgeblattete Streben oder die Form der Kopfbänder, deuten darauf hin, daß sie kurz nach dem 30jährigen Kriege gebaut worden sein muß. Auf dem „Hammer" - das ist der dicke Balken, der auf dem senkrechtstehenden Hausbaum drehbar gelagert ist und der das ganze Gehäuse trägt - ist groß und deutlich die Jahreszahl 1848 eingehauen. Der Hammer ist in diesem Jahr erneuert worden. Und das ließ sich nicht bewerkstelligen, ohne daß die ganze Konstruktion in alle Einzelteile zerlegt und wieder neu zusammengesetzt werden mußte. Was auch immer mit unserer Mühle im Revolutionsjahr 1848 geschehen sein mag: Sicher ist, daß sie 1865 einen zweiten Mahlgang bekommen hat. Das ergibt sich aus der Jahreszahl, die in der dazugehörigen „Beutelkiste" eingehauen war. Wozu ein zweiter Mahlgang? Ganz einfach: Die Dudenser wollten nicht mehr nur Roggenbrot essen, sondern auch Stuten und Kuchen backen, und feines Weizenmehl gelingt nun einmal besser in einem speziellen Mahlgang.
Unsere Mühle entging dem Mühlensterben, und konnte sich bis zum Jahre 1952 behaupten. 1984 bildete sich der Dudenser Mühlenverein, und nach einem Jahr gelang es ihm, die Mühle zu pachten. Nun mußte alles sehr schnell gehen. Der Zustand der Mühle wurde immer bedenklicher. Zum Glück waren die Stadtväter aufgeschlossen, und auch die Niedersächsische Lotto- und Toto GmbH griff tief in die Tasche. Noch im September 1985 wurde die Mühle abgebaut, um im Jahr darauf neu aufgebaut zu werden. Und woher kommt das Holz? Nun, der Hausbaum, das ist der mächtige, senkrecht stehende Balken, der alles trägt, ist der alte und muß wohl in der Nähe von Twistringen gewachsen sein. Aber das Holz für das Grundkreuz, die Streben und etwa ein Drittel der Fachwerkkonstruktion mußten aus Dänemark beschafft werden, weil die berühmte deutsche Eiche nicht mehr dick genug ist. Die Bretterverkleidung aber stammt aus Dudensen, Bevensen und Laderholz; die Erlen sind von den Eigentümern gestiftet worden, und das Technische Hilfswerk hat sie aus den morastigen Gehölzen herausgebracht. So - jetzt sind wir in Gedanken oft genug um die Mühle herumgegangen und es wird Zeit, daß wir hineingehen. Wir genießen das sanfte Schwanken bei dem Aufstieg über die hängende Treppe, verweilen kurz auf dem Freisitz und betreten dann den Mehlboden. Vor allem beeindruckt hier der Hausbaum, der hier oben nicht mehr viereckig, sondern rund ist. Er trägt den Hammer und dieser wieder trägt rechts und links die Mehlleisten, schon zierlichere Balken im Querschnitt von 45 cm x 75 cm, an denen das ganze übrige Fachwerk aufgehängt ist. Im übrigen finden wir es hier auf dem Mehlboden viel enger, als wir erwartet hatten, weil zwei große Kästen den Platz wegnehmen. Aber zunächst einmal lockt die nächste Treppe. Wir steigen hinauf und gelangen auf den Steinboden.
Der hohe Raum wird beherrscht von der Flügelwelle und dem großen Königsrad. Seine Kämme greifen in das Stock- oder Korbrad und übertragen die Drehung der Flügelwelle in die horizontale Drehung des oberen Steines, des Läufers. Ihn können wir nicht sehen, denn er ist in der Bütte versteckt, jenem flachen, dosenförmigen Kasten, der die beiden Steine von 1,60 m Durchmesser umgibt. Auf ihm steht der Trichter. Wenn er mit Korn gefüllt ist und der Läufer sich dreht, dann fällt das Getreide über den Rüttelschuh in das Loch, das sich im Zentrum des Läufers befindet. Von dort wird es zwischen die Steine gezogen, zunächst durch größere, dann immer kleiner werdende Rillen, die in die Steine eingehauen sind. Sind die Körner zermahlen, so wird das Schrot durch die Fliehkraft an die Innenwand der Bütte geschleudert. In dem schmalen Raum zwischen den Steinen und der Büttenwand rotiert die Luft, erfaßt das Schrot und befördert es bis zu der Stelle, an der ein Loch nach unten den Weg in ein Mehlrohr freigibt. Dort fällt es hinein, entweder in einen Sack oder in die Beutelkiste, je nachdem, welches Mehlrohr der Müller mit dem Schieber am Fuße der Bütte geöffnet hat. Was ist, wenn die Mühle angehalten werden soll? Dazu haben wir den Fang. Bandartig zieht er sich um das Königsrad herum und läßt sich festziehen durch das Gewicht eines Balkens, den wir mit einem Hebel bewegen können. Der große schwenkbare Galgen, der neben der Bütte steht ist der Steinkran. Wenn die Steine durch Abrieb stumpf geworden sind und die Rillen nachgeschlagen werden müssen, werden Trichter und Bütte auseinandergenommen und die Welle mit dem Stockrad entfernt. Der dann freiliegende Läufer kann mit der Zange angehoben und in ihr umgedreht werden, so daß nun die Mahlflächen beider Steine nach oben schauen und wieder „gebickt" werden können. Wenden wir uns weiter nach links, so sehen wir den zweiten Mahlgang, dessen Antrieb sich bei drehenden Flügeln ein- und ausklinken läßt. Das komplizierte Räderwerk über ihm an der Königswelle hat aber auch noch eine zweite Funktion, nämlich die Sackwinde anzutreiben. So können die Säcke durch die Kraft des Windes an der langen Kette vom Mühlenhügel bis auf den Steinboden gehoben werden. Freilich geht es auch ohne Wind. Wir brauchen das kleine Kammrad nur auszuklinken und können die Sackwinde mittels des endlosen Taues von Hand betätigen.
Steigen wir nun die Treppe wieder hinunter auf den Mehlboden und betrachten die Beutelkisten. In ihnen
rotiert eine mit feiner Gaze bespannte, schräg horizontal gelagerte Röhre, in die das Mahlgut von der Bütte aus
herabfällt. Die rüttelnde Rotation dieses Röhrensiebes bewirkt, daß die feinen Mehlbestandteile in die Kiste
fallen, während die Kleie und alles Grobe in dem Auswurf landen, von wo es wieder in den Trichter
zurückgebracht werden kann. Wir können hier auch die Hebelmechanik bewundern, mit deren Hilfe der Abstand
zwischen den Mühlsteinen sich regulieren läßt. Natürlich lastet der obere Mühlstein nicht mit seinem vollen
Gewicht auf dem unteren, sondern er wird von einer Welle getragen, die auf einem schweren, horizontal
liegenden Balken gelagert wird. Dieser ist beweglich und kann über drei Hebel mit einem Übersetzungsverhältnis
von ungefähr 1:100 gehoben und gesenkt werden, damit das Schrot die richtige Körnung erhält.
Wir haben
diese Mühle wieder hergerichtet, um zu zeigen, mit wieviel Mühe, aber auch Einfallsreichtum seit 300 Jahren bis
vor wenigen Jahrzehnten die Müllerei verbunden war. Ein bißchen Mühlenromantik gehört gewiß auch dazu, aber vor allem
liegt uns daran, ein realistisches Bild der damaligen Technik und der Arbeit mit ihr zu vermitteln. In einem
weiteren Sinne gehört dazu natürlich auch das Brotbacken. Sie sind auf dem Wege von der Mühle direkt auf das
Backhaus zugelaufen, in dem wir Sie ebenfalls willkommen heißen möchten.
„Glück zu!"
Klaus Hespe
Auf diesen Bildern erkennen Sie deutlich den Schaden, der bei dem Wintersturm im Februar 2007 entstanden ist. Zwei der Flügel wurden zerstört. Der Sachschaden ist erheblich, und die Kosten für die Reparatur kann der Verein nicht ohne Hilfe aufbringen.
In jedem Jahr gibt es verschiedene öffentliche Termine. Den Link zu den Terminen finden Sie hier.
Das Mühlenfest findet immer am Pfingstmontag statt.